Unter Revolutionären

Dezember 9, 2009 von matthrose

20. 11. – 08. 12.

Chiapas ist der ärmste aber vielleicht auch interessanteste Staat Mexikos. Er liegt an dessen südlichstem Ende. Es war der Machteinflussbereich und die Besiedlungsgegend der Mayas und hat heute den höchsten Anteil an indigener Bevölkerung in Mexiko. Die Stadt San Cristobal de Las Casas ist eine wunderschöne Stadt, ein Mekka der alternativen Reisenden (vor allem Franzosen) und Schauplatz der Bekanntmachung der (laut New York Times) ersten postmodernen Revolution, am 1. Januar 1994 (Inkrafttreten des NAFTA-Abkommens, ein Freihandelsabkommen zwischen Mexiko, USA, Kanada). Die Zapatisten (EZLN), benannt nach Emiliano Zapata, einem früheren mexikanischen Revolutionsführer, repräsentieren die indigene Bevölkerung und kämpfen für ihre Rechte. Inzwischen leben sie in vielen autonomen Dörfen, kämpfen ohne Waffen, aber ihr Leben ist sehr von der nationalen und internationalen Aufmerksamkeit abhängig, denn bis 2007 litten sie stark unter staatlich unterstützten Paramilitärs, Militärrepression und erst Oktober diesen Jahres wurden zwei Zapatisten von in Zivil gekleideten Polizisten ermordet.

In dieser faszinierenden Stadt sind wir jetzt schon zweieinhalb Wochen und haben hier fleißig gewwoofed (willing workers on organic farms). In einem Gemüsegarten für ein Restaurant in der Innenstadt, wo wir auch wohnen. Wir saßen also gemütlich da und haben hauptsächlich Unkraut gejätet, mit denn zwei Mexikaner die dort Vollzeit arbeiten ausführliche Siestas gemacht und währenddem Radio Zapatista gehört.
Zusätzlich hatten wir nachmittags noch eine Woche lang drei Stunden Spanischunterricht. Erstaunlich schnell haben wir alle Grundlagen gelernt, und es fehlt nur noch die Übung und eine bescheidene Erweiterung unseres Vokabulars. Aber es ist schwer, zumindest unter den Reisenden, Leute zu treffen die nicht Englisch, Französisch oder Deutsch sprechen. Nichtsdestotrotz sind wir zuversichtlich, dass wir zum Ende unserer Reise einen erweiterten Smalltalk in unserer dritten/vierten Sprache können.

Mehr denn je haben wir die Befürchtung, dass unsere eingeplante Zeit nicht für die geplante Strecke reichen wird. Denn hier haben wir mal wieder gelernt wie schön es ist länger an einem Ort zu sein, und viele Leute und neue Freunde kennenzulernen. Von denen wir vielleicht manche auch nochmal weiter im Süden wiedersehen werden. Aber andererseits gibt es noch so viel zu tun und zu sehen…

In einem umliegenden Dorf namens Chamula, haben wir einen ganz außergewöhnlichen Kirchenbesuch erlebt Ein Zusammentreffen von drei Kulturen. Katholizismus, mayanische Riten und CocaCola. Diese Kirche ist ein großer Raum nur mit einem Chor als Unterteilung. Am den Wänden stehen unordentlich und gedrängelt Heiligenschreine, es gibt keine Bänke sondern der Boden des freien Raumes ist bedeckt mit Tannennadeln und unzähligen kleinen Kerzen, vor denen die Gläubigen sitzen und beten bis sie abgebrannt sind. Auch sieht man Reinigungsrituale von bösen Geistern. Für diesen Zweck werden begleitet von Gebeten die Flügel eines lebenden Huhnes über Arme und Hände gestrichen, danach wird des Huhnes Genick gebrochen und noch eine gute Minute festgehalten, bis es reglos liegen bleibt. Während dem wird in großzügigen Mengen Posh (ein heimischer Schnaps) und CocaCola getrunken. Vor allem Zweiteres genießt hier insbesondere in der indigenen Bevölkerung eine traurig hohe Beliebtheit.

Um in die autonomen Zapatistendörfer zu gelangen, muss man noch ein bisschen weiter in die bergigeren und ländlicheren Gegenden. Oventik ist eines dieser Dörfer und bietet Interessierten die Möglichkeit sich mit den Verhältnissen vertraut zu machen und sich mit Zapatisten zu unterhalten. Nach einer guten Stunde Fahrt durch ärmliche aber sehr idyllische Landschaften, Dörfer, Maisfelder, Schafherden und kleinen bunten Kapellen, gelangt man zum Eingang von Oventik. Man gibt seinen Reisepass an einen vermummten Mann ab, der damit sogleich in einer Hütte verschwindet. Nach ein paar Minuten wird man hinterher gebeten und gibt dort ein paar weiteren vermummten, stillen aber sehr freundlichen Männern Namen, Herkunft, Profession, Organisation und wird gefragt was man denn eigentlich hier wolle. Schließlich wird man in das “Informationszentrum” gebeten. Und muss noch einmal die gleichen Fragen beantworten. Wenn all das zur Zufriedenheit geschehen ist wird man erst einmal über die Geschichte der Zapatistenbewegung aufgeklärt. Da wir hier einige Filme über die Revolution 1994 und die Jahre danach gesehen hatten, war vieles davon uns bekannt. Allerdings wurde in keinem Film erwähnt wie es mit den Zapatisten weiterging. Nach der Revolution versprach die Mexikanische Regierung die Forderungen der Zapatisten zu verwirklichen, und die Rechte der indigenen Bevölkerung zu stärken.
Diese versprechen wurden allerdings nie eingelöst, sodass sich die Zapatisten hauptsächlich selbst um eine bessere Lebensbedingung der indigenenbevölkerung kümmern. So gibt es inzwischen ein unabhängiges zehnjähriges Schulsystem, indem die Kinder unter anderem Spanisch als zweite Sprache lernen. Eine Universität ist auch in der Planung. Desweiteren gibt es zwei Krankenhäuser die auf Spenden aufgebaut sind. Trotz der vielen Fortschritte und der 15 friedlichen Jahre auf Seiten der Zapatistas gibt es immer noch viele staatliche Repressionen. Im Moment werden die Militärkontrollen immer mehr verstärkt, ein Viertel des mexikanischen Militärs ist hier in der Gegend, da die Regierung Angst vor einer Revolution im Jahre 2010 hat. (Wegen des Jubiläums der Revolutionen in Mexiko 1810 und 1910).
Auf unsere Frage daraufhin ob so etwas geplant sei wurde uns natürlich eher ausweichend geantwortet. Dennoch werden wir die Situation hier gespannt verfolgen.
Die einzige Inkonsequenz und Unlogik die wir erkennen, ist die große Präsenz von CocaCola. Und auf eine Frage, ob dass nicht mit ihren Werten kollidiere, einen so großen schwarzkapitalistischen Konzern zu unterstützen, antworteten sie, dass bis sie die Macht haben den Konzern zu übernehmen, jeder der wolle CocaCola trinken dürfe.

Zum Krönung unsere schönen Zeit hier, sind wir beide, das erstemal krank geworden; und so wurden wir von Magenumstülpungen, Bauchschmerzen und Schlaflosigkeit geplagt. Zum Glück konnten wir hier unser Zimmer in der Innenstadt auch ohne arbeiten noch ein bisschen länger behalten. Wenn alles läuft wie geplant, fahren wir morgen weiter in Richtung Yukatan!